Japans Rolle in der Welt

Vortrag vom 7. April 2015 vor dem Arbeitskreis „Internationales“ der SPD Hamburg

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Christa!

Zu Beginn meines Vortrags möchte ich einen kleinen Schwerpunkt auf die jüngere Geschichte Japans legen. Ich glaube, dass man Japan nur begreifen kann, wenn man sich einige geschichtliche Grunddaten vergegenwärtigt.

In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. In Deutschland ist dieses Datum eines der vielen Jubiläumsdaten dieser Tage. In Japan ist das anders. Die Bewertung der Rolle Japans im Zweiten Weltkrieg ist in Japan selbst hochstrittig.

 

Geschichte bis zum Zweiten Weltkrieg

1868 ist die vielleicht wichtigste Jahreszahl in der japanischen Geschichte: Bis 1868 regierten die Shogune – quasi Militärherzoge – in Japan. Sie hatten Japan in völliger Isolation gehalten, einzig Holländer hatten Zugang und Handelsmissionen. 1853 kamen US-Militärs mit Kanonenbooten und verlangten Zugang zu den Häfen. Japan gab dem Druck der USA nach und öffnete seine Häfen. Kurz darauf zogen die europäischen Kolonialmächte nach. Es wurden Verträge geschlossen, die den Kolonialmächten Rechte in Japan einräumten – sog. ungleiche Verträge. Ähnlich wie auch in China – nur ohne die Opiumklauseln. Es galt das Recht des Stärkeren und Japan war schwach.

Das japanische Volk wandte sich von den Shogunen ab, denn sie hatten die Unterwerfung unter die USA und die Europäer nicht verhindern können. 1868 übernahm daher der Kaiser die Herrschaft – der Meiji-Tenno. Symbol dieser Änderung, war, dass nun nicht mehr Kyoto Hauptstadt Japans war sondern Tokio.

Wenn das Recht des Stärkeren galt, dann wollte man selber stark werden. Japan schaffte in wenigen Jahrzehnten einen gewaltigen Wissenstransfer aus den europäischen Ländern, die es in den jeweiligen Disziplinen als führend erachtete – insbesondere galt dies für Deutschland. Vor allem in Militärangelegenheiten war Deutschland für Japan vorbildlich – man sprach von den Japanern als den Preußen Asiens.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs verfügte Japan über die viertgrößte Flotte der Welt und gehörte nach dem Krieg zu den Siegermächten. Daher nahm es auch an den Versailler Friedensverhandlungen teil. Dort versuchten die japanischen Delegierten, die Ächtung internationaler Rassendiskriminierung im Versailler Vertag zu verankern. Dies sollte durch einen Rassengleichheitsparagrafen geschehen – doch damit scheiterten sie auf der ganzen Linie. Ohnehin begegnete der japanischen Delegation in Versailles einem starken Rassismus – eben auch gegen die Delegation selber.

Eine Konsequenz dieser Erfahrung von Versailles war das Prinzip: „Wenn wir überleben wollen, so müssen wir einfach aggressiver auftreten!“ Dieser in Japan damals populäre Grundgedanke trug zu einer Stärkung der Ultranationalen bei, die 1931 den japanischen Eroberungszug durch Asien starteten – beginnend mit der Eroberung der Mandschurei.

Kombiniert wurde das Ganze mit einer Rassenideologie, die der der Nazis ähnlich war – man sprach von Hirohitos Herrenmenschen. Die Brutalität der Japaner ist recht gut in dem Film „John Rabe“ dargestellt. 1941 hatten die japanischen Eroberer den Höhepunkt ihrer Ausdehnung erreicht. Zu diesem Zeitpunkt lebten 450 Mio. Menschen unter japanischer Herrschaft – mehr als unter den Nazis.

Daraufhin erließen die USA ein Ölembargo gegen Japan, was dieses sehr traf. Das Ziel des Angriffs auf Pearl Harbor war denn auch, die USA bei den Verhandlungen zu dem Ölembargo zum Einlenken zu bringen. Dieses Ziel erklärt sich wohl nur aus der nationalen Hybris der Japaner. Der Angriff bewirkte bekanntermaßen das Gegenteil.

Der Zweite Weltkrieg endete dann mit den beiden Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, die sich in das kollektive Bewusstsein Japans eingebrannt haben. Im Gegensatz zu Deutschland gab es in Japan keine direkten Kampfhandlungen außer Bombardements der Amerikaner. Konkret gekämpft wurde zäh um einzelne Inselgruppen im Pazifik und im Süden Okinawas.

Das Ende des Krieges wurde daher von vielen Japanern als ungerecht empfunden und angesichts der beiden Atombombenabwürfe sahen sich viele Japaner auch als Opfer. Durch die Beibehaltung des Tenno Hirohito gab es dann auch eine Kontinuität, die für eine kritische Aufarbeitung der Vergangenheit nicht hilfreich war. Im Gegensatz zu Deutschland blieben viele Institutionen bestehen, die Besatzungspolitik wurde von japanischen Institutionen ausgeführt. Maßgeblich verantwortlich dafür war General Douglas MacArthur, der US-Oberbefehlshaber und rechter Haudrauf, der sich aber zum Freund der Japaner entwickelte und diese auch pfleglich behandelte.

Bemerkenswertes Ergebnis der amerikanischen Besatzung war der Art. 9 der japanischen Verfassung. Darin verzichtet der japanische Staat auf sonst allen souveränen Staaten zustehende Mittel, nämlich den Unterhalt einer Armee, die Androhung militärischer Gewalt und die Kriegführung. Das ist sehr radikal und gibt es ansonsten nur noch in Costa Rica. Die japanische Verfassung trat 1947 in Kraft – ein Jahr später begann der Kalte Krieg mit der Berlin-Blockade. Nach Beginn des Kalten Krieges hätte es einen solch pazifistischen Art. 9 wohl nicht mehr gegeben. Die pazifistische Grundorientierung erfuhr in der japanischen Bevölkerung eine große Akzeptanz. Und so ist es bis heute.

Japan ordnete sich politisch klar dem Westen – also den USA – zu und schaffte auch eine Armee zur Selbstverteidigung: Die Selbstverteidigungsstreitkräfte.

Man kann die japanische Demokratie nach 1945 fast als eine Einparteien-Demokratie bezeichnen. Denn die LDP, die Liberaldemokratische Partei, regiert seit ihrer Gründung 1955 Kriegsende fast ununterbrochen. Ausnahmen der LDP-Herrschaft waren lediglich

  • 1993 – 96, als die Erneuerungspartei den Premierminister stellte und
  • 2009 – 2012 als die Demokratische Partei – ein Zusammenschluss aus LDP-Abgeordneten und Sozialdemokraten den Premierminister stellten

Ansonsten regierte immer die LDP – seit 2012 sind das die Kabinette des Premierministers Shinzo Abe. Bei der engen Zusammenarbeit von Großunternehmen und Staat sind Verflechtungen zwischen der Staatspartei und den Großunternehmen naheliegend. Dennoch: Japan liegt im Korruptionsindex nur wenig hinter Deutschland.

Nach dem Krieg nannte sich das Rüstungsministerium um in Ministerium für Handel und Industrie – das berühmte „MITI“. Dieses Ministerium bestimmt die Leitlinien der japanischen Wirtschaft – man spricht in Japan von einer „gelenkten Marktwirtschaft“. Angesichts des Kalten Krieges förderten die USA den Wiederaufstieg der Industrie – insbesondere als Japan Anfang der Fünfziger als Nachschubbasis für die amerikanischen Truppen im Korea-Krieg fungierte. Der Korea-Krieg war praktisch eine Konjunkturspritze für die japanische Wirtschaft.

 

Aktuelle politische Problemfelder

Die japanischen Unternehmen hatten bislang eine lebensbestimmende Rolle für die Angestellten und ersetzten in gewisser Weise die Familie. Die Firma stellte die Wohnung, den Platz in der Kinderkrippe, vermittelte häufig auch die Ehepartner und zahlte die Rente. Ein Mitsubishi-Arbeiter fährt natürlich nur ein Mitsubishi-Auto – das ist Ehrensache!

Bis Ende der Achtziger des 20. Jahrhunderts hatte die japanische Wirtschaft ungeheure Erfolge. Vor allem hatten die japanischen Unternehmen großes Talent in der Vermarktung. So hatte beispielsweise Siemens das Patent auf Faxgeräte, die Japaner vermarkteten es aber sehr erfolgreich – das ist ein typisches Beispiel. Ganz ähnlich mit der Transistortechnologie: Amerikaner hatten sie erfunden, Sony hat sie vermarktet. Japaner sind hervorragend darin, andere Technologien weiterzuentwickeln.

Auch die Auto-Export-Politik ist sehr typisch: Mit dem Toyota Crown probierten die Japaner Ende der Fünfziger einen ersten Export auf den amerikanischen Markt – und scheiterten erst einmal. Aber heute ist Toyota weltgrößter Autobauer. Allerdings verschlossen die Japaner ihren eigenen Markt für Importe mit allerlei Tricks und Zöllen. Gleichzeitig zahlten sie ihren Arbeitnehmer geringe Löhne. Dies führte dazu, dass die Binnennachfrage extrem gering war und es zu einem gigantischen Handelsbilanzüberschuss kam. Der Yen musste aufgewertet werden. Zum Ausgleich senkte die japanische Zentralbank ihre Zinsen dramatisch. Das führte in der Folge zu einer Seifenblase, die 1989 platzte. Der Börsenindex Nikkei fiel innerhalb eines Jahres um die Hälfte.

Und ehrlich: So richtig hat sich die japanische Wirtschaft davon bis heute nicht erholt. Das klassisch patriarchalische Unternehmen hat Schaden genommen: Es werden immer mehr befristete Arbeitnehmer und zunehmend auch Leiharbeiter eingestellt. Die werden dann eben auch als erste wieder entlassen.

Das Japan nicht mehr das super-organisierte Land ist, dass vor allem die Technik im Griff hat, wurde bei der Katastrophe von Fukushima deutlich. Man erinnert sich: Am 11. März 2011 wurde Japan in der Region um Fukushima vom stärksten Erdbeben seiner Geschichte mit der Stärke 9 heimgesucht. Das Beben beschädigte das AKW in Fukushima. Schlimmste Folge des Bebens war aber der verheerende Tsunami, der über das AKW in Fukushima hinwegrollte und endgültig zu einer Havarie des Meilers führte, die Explosionen in drei Reaktorblöcken zur Folge hatten. In Japan spricht man von der Dreifach-Katastrophe von Fukushima:

  • Erdbeben
  • Tsunami
  • Havarierter Atommeiler

Insgesamt gab es durch das Beben und den Tsunami 19.000 Tote und 160.000 wurden umgesiedelt. Wie viele Menschen durch den havarierten Meiler umkamen, weiß niemand. Allerdings kam der US-Flugzeugträger USS Ronald Reagan zur Hilfe und koordinierte die Hilfseinsätze. Der Flugzeugträger lag drei Wochen vor Fukushima und die Matrosen erkrankten danach reihenweise an Krebs – bislang sind es nach meiner Kenntnis 71, die alle gegen den Betreiber Tepco klagen.

Tepco war zunächst mit der Lösung der Probleme betraut. Es gab aber ein Kompetenzchaos, das vor allem zu Beginn schnelle und effektive Lösungen behinderte. Wenn der Premierminister das Tepco-Hauptquartier besucht und die Atommanager zusammenschreit, dann sagt das wohl genug. Allerdings haben sich die Atommanager mehrfach entschuldigt, was in Japan sehr viel bedeutet. Ein Untersuchungsbericht der Regierung bescheinigte Tepco miserables Krisenmanagement. Zweieinhalb Jahre später, im September 2013 übernahm die japanische Regierung dann das Krisenmanagement.

Drastische Konsequenzen aus der Havarie zog aber nicht Japan sondern Deutschland. Wir waren es, die als Konsequenz aus Fukushima den Atomausstieg beschlossen. Japan hält weiterhin an AKWs fest, wenn auch Neubauten derzeit wohl ausgeschlossen erscheinen

Finanzpolitisch hat die Regierung Abe einen radikalen Kurs eingeschlagen, der als Abenomics bezeichnet wird. Nach der Lehman-Pleite hat die japanische Zentralbank die in Umlauf befindliche Geldmenge um 600 % gesteigert. Abe möchte damit deflationäre Tendenzen in der jap. Wirtschaft bekämpfen.

Abe führte kreditfinanzierte Konjunkturprogramme ein. 2014 lag das Haushaltsdefizit bei 10 % des BIP. Die Staatsverschuldung liegt bei 250 % des BIP – zum Vergleich: Deutschland liegt bei 73 %, F und GB jeweils bei etwa 90 %. Der japanische Staat ist allerdings fast ausschließlich bei seiner eigenen Zentralbank verschuldet. Niemand weiß, wo die Abenomics letztlich hinführen. Immerhin scheint Shinzo Abe durch Mario Draghi jetzt ja in gewisser Weise einen Nachahmer gefunden zu haben.

Weiteres Problem: Die Überalterung der japanischen Gesellschaft: Japan hat die im Durchschnitt älteste Gesellschaft der Welt – die deutsche Gesellschaft ist die zweitälteste.

Das führt zunächst einmal in der Rentenversicherung zu Problemen. Das japanische Rentensystem deckt die gesamte Bevölkerung ab und ist nach Beschäftigungsart differenziert. Es hat aber – ähnlich wie das deutsche System – durch die demographische Entwicklung Finanzierungsprobleme. Es ist ein Mix aus Umlagefinanzierung, Steuerfinanzierung und Kapitaldeckung. Durch die Finanzierungsprobleme ist das Renteneintrittsalter angehoben worden und die Leistungen sind gekürzt worden – Rezepte, die man aus Deutschland auch kennt.

Besondere Probleme bringt die Überalterung aber im Bereich der Pflege. Dies gilt vor allem für die ländlichen Regionen – sie sind besonders überaltert. Die jungen Menschen zieht es meist in die Städte.

Die Regierungspartei LDP hat angesichts knapper Kassen auf die Familien verwiesen, was zu teilweise dramatischen Friktionen geführt hat. Familien waren völlig überfordert – häufig wurden Alte auch in Krankenhäuser abgeschoben – dann waren sie krank und es war nicht schlimm, dass sich die Familien nicht kümmerten. Selbstmordraten von älteren Menschen stiegen. Da das nicht so bleiben konnte, wurde nach deutschem Vorbild eine Pflegeversicherung eingeführt.

Eine Entwicklung in der jap. Pflegepolitik ist für unser Verständnis sehr seltsam: Japaner setzen sehr stark auf Elektronik. Haustiere sind bei älteren Menschen beliebt, machen aber auch viel Arbeit und sind pflegeintensiv. Man hat daher eine täuschend echte elektronische Robbe namens Paro erfunden. Sie kann emotionale Regungen simulieren und sieht süß aus. Kosten: 3.000 Euro.

Überdies wird verstärkt auf den Einsatz von Pflegerobotern gesetzt. Japaner haben positives Verhältnis zu Robotern.

Eine naheliegende Lösung wäre, Migranten ins Land zu lassen. Das wird aber nicht gemacht. Das Verhältnis Japans zur Migration in Japan hat die ZEIT einmal in folgende Schlagzeile zusammengefasst: „Alt und ausländerfeindlich!“ Wenn zB ein Philippino oder eine Philippina in Japan in der Pflege tätig werden will, dann müssen sie nach drei Jahren eine schriftliche Prüfung machen – auf Japanisch. Das schafft kaum jemand und es hat auch abschreckende Wirkung.

Im Mittleren Osten arbeiten 800.000 Philippinos im Gesundheitsbereich – zumeist in Krankenhäusern. In Japan sind es mal gerade 600. Zurückgeführt wird diese Mentalität auf die Insellage Japans.

Insgesamt leben in Japan etwa 1,3 % Ausländer, 2013 wurden nur sechs Personen als Flüchtlinge anerkannt. Die Experten sagen es auch ganz offen: Natürlich braucht Japan eine Immigrationskampagne, um viele der anstehenden Probleme zu lösen. Aber jeder der das fordert, begeht politischen Selbstmord!

Meine Damen und Herren, jetzt habe ich diverse Baustellen der japanischen Innen- und Sozialpolitik dargestellt. Allerdings: Bei allen Schwierigkeiten – eins darf man nicht vergessen: Japan ist immer noch die drittstärkste Industrienation der Welt. Es ist eine enorm starke Wirtschaftsmacht. Über Jahrzehnte hinweg war Japan allerdings die Nummer zwei. 2010 wurde es dann von China überholt. Damit kommen wir zum schwierigen chinesisch-japanischen Verhältnis– und auch zur Außenpolitik.

 

Außen- und Sicherheitspolitik

Für die japanische Außen- und Sicherheitspolitik ist der rasante Aufstieg Chinas das absolut zentrale Thema. Seit 1989 stiegen die chinesischen Militärausgaben jährlich um 10 %, das chinesische Militärbudget ist mit 134 Mrd. US $ dreimal so hoch wie das japanische. Die japanischen Streitkräfte sind den chinesischen allerdings technologisch deutlich überlegen – noch.

China vertritt seine Interessen sehr selbstbewusst. Dies wird deutlich am Konflikt über die Senkaku-Inseln. Es handelt sich um einige gottverlassene Inseln Die größte von ihnen ist etwas größer als Helgoland und die kleinste ist 100 qm groß. Sie liegen ca. 200 km nordöstlich von Taiwan im Ostchinesischen Meer. In ihrer Nähe gibt es Erdöl- und Erdgasvorkommen. Besitzansprüche werden von Japan, Taiwan und China angemeldet. Die Folge sind permanente militärische Reibereien, andauernd werden die Botschafter gegenseitig einbestellt. Es handelt sich um einen klassischen Territorialkonflikt. 2012 entsandten die USA ihren Flugzeugträger George Washington wegen des Konfliktes in die Region. Im November 2013 richteten die Chinesen eine „Air Defense Identification Zone“ über den Inseln ein. Sie forderten von jedem überfliegenden Flugzeug, sich vorab bei ihnen anzumelden.

Japan wirft China eine Salami-Taktik vor, immer unterhalb der Kriegsebene zu bleiben. Selbst betont die Abe-Administration die Werteorientierung ihrer Politik. Abe forderte, einen „demokratischen Sicherheitsdiamanten für Asien“ zu bilden. Dazu sollten die vier großen indopazifischen Demokratien Japan, USA (Hawaii), Indien und Australien beitragen. Diese Politik richtet sich gegen das von Japan befürchtete Hegemonialstreben Chinas. Die benannten Länder sind aber nur begrenzt begeistert.

China spielt bei den Territorialstreitigkeiten eher auf Zeit und setzt auf seinen Machtzuwachs. Innenpolitisch setzt auch China durchaus auf die anitjapanische Karte. Dazu tragen die nationalistischen Töne insbesondere von Shinzo Abe bei. Im Dezember 2013 betete er in der Gedenkstätte des Yasukuni-Schreins. Dort werden die Gefallenen der japanischen Kriege geehrt und ausdrücklich auch Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs. Durch diese Geste hat Abe natürlich die ehemaligen Kriegsgegner gegen sich aufgebracht, die an die japanischen Gräuel erinnerten. Zu nennen ist hier zuerst das Massaker von Nanking, bei dem eine Viertelmillion Menschen bestialisch umgebracht wurden.

Der sozialdemokratische Ministerpräsident Murayama hat sich zwar zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 bei allen ehemaligen Kriegsgegnern entschuldigte und seine „tiefe Reue“ zum Ausdruck gebracht. Shinzo Abe distanzierte sich aber hiervon.

Auf dem Asien-Pazifik-Gipfel im November 2011 kam es zu einem Treffen zwischen Shinzo Abe und dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping und einem historischen Händeschütteln. Man spricht von einem sino-japanischen Tauwetter. Man wird sehen.

In diesem Zusammenhang ist auch die Neuinterpretation des Art. 9 durch die Abe-Administration zu sehen. Bislang erlaubte Art. 9 nur eine individuelle Verteidigung, also eine Verteidigung, wenn Japan selbst angegriffen wird. Nunmehr wird Art. 9 wie folgt interpretiert: Japan darf im Rahmen der kollektiven Selbstverteidigung militärisch aktiv werden, wenn ein bewaffneter Angriff auf einen in enger Beziehung zu Japan stehenden Staat vorliegt und es diesem zu Hilfe eilen möchte. Diese Neuauslegung ist im Rahmen des sino-japanischen Konflikts zu sehen. Japan fürchtet, bei einem eventuellen chinesischen Angriff keine US-Unterstützung zu erhalten, wenn es nicht seinerseits auch die Bereitschaft zeigt, sich militärisch zu engagieren.

Die Bevölkerung lehnt den Einsatz militärischer Mittel mehrheitlich ab, nur etwa ein Drittel ist für die neue Auslegung des Art. 9.

Der zweite große Konflikt besteht mit Nord-Korea. Von der Bevölkerung wird die militärische Bedrohung durch Nord-Korea als größte Gefahr angesehen. In den siebziger Jahren hat Nord-Korea japanische Bürger entführt, um sie bei der Ausbildung von Spionen und Agenten einzusetzen. Seit dem das herausgekommen ist, trauen die Japaner den Nord-Koreanern alles zu. Die wiederholten militärischen Provokationen Nord-Koreas gegenüber Süd-Korea, bestätigen sie in dieser Einschätzung. Insbesondere fürchten sie, dass der neue Diktator Kim Jong-Un unbesonnen reagiert, wenn er unter Druck gerät.

Im Juli vergangenen Jahres gab es dann aber eine erste Annäherung. Japan verzichtete auf einige der gegen Nord-Korea verhängten Sanktionen. Im Gegenzug sagte Pjöngjang eine Untersuchung der Entführungen aus den Siebzigern zu. Die USA und Süd-Korea befürchten, dass Japan aus der gemeinsamen Linie gegenüber Nord-Korea aussteigt.

Das Verhältnis zu Süd-Korea ist durch hervorragende Handelsbeziehungen gekennzeichnet. Belastet wird das Verhältnis allerdings durch die sog. Trostfrauen. Der Begriff ist allerdings extrem verharmlosend. Es geht um junge Mädchen, die von der japanischen Armee während des Zweiten Weltkrieges entführt wurden und den Soldaten dann sexuell zu Diensten sein mussten. Real handelte es sich um über Jahre andauernde serielle Vergewaltigungen. Die SZ berichtet, dass es 200.000 solcher Trostfrauen gegeben habe – vor allem in Korea und China.

Als eine japanische Zeitung sich zur japanischen Schuld gegenüber diesen Trostfrauen bekannte, wurde sie massiv kritisiert. Mehr als 8.000 Japaner haben die Zeitung Anfang dieses Jahres verklagt. Und Shinzo Abe meinte, dass Blatt habe dem Ansehen Japans schweren Schaden zugefügt. Bereits früher hatte er bezweifelt, dass es von japanischer Seite Zwang gegenüber diesen Frauen gegeben habe. Damit stärkte er den sog. Geschichtsrevisionismus, der derzeit in Japan vorherrscht. Zur außenpolitischen Befriedung trägt ein solches Verhalten natürlich nicht bei.

Das Verhältnis zu Russland ist geprägt durch die russische Besetzung der Kurilen-Inseln im Norden Japans seit den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. Allein in 2013 sind über 300 mal japanische Abfangjäger aufgestiegen, weil russische Flugzeuge, den japanischen Luftraum zu verletzen drohten. Derzeit sind die Russen dabei, ihre dortige Militärpräsenz auszubauen. Dennoch wird Russland von Japan nicht wirklich als Bedrohung wahrgenommen, man geht eher davon aus, dass die militärische Aufrüstung der Kurilen gegen China gerichtet ist. Und das begrüßt Japan natürlich. Das ist auch der Grund, weswegen Japan den Ukraine-Konflikt sehr kritisch beäugt: Der Ukraine-Konflikt bringt Russland wirtschaftlich, militärisch und strategisch immer mehr in die Nähe zu China.

Am Ende bleibt das Verhältnis Japans zu Deutschland. Das Verhältnis ist traditionell gut. In der Meiji-Epoche Ende des 19. Jahrhunderts waren viele Deutsche als Berater in Japan tätig. So ist das japanische Rechtssystem noch heute stark vom deutschen geprägt. Über die deutschen Militärberater habe ich bereits zu Anfang gesprochen. Man sprach von den Japanern als den Preußen Asiens. Im Zweiten Weltkrieg überzogen beide Länder ihre Hemisphären mit dem bislang grausamsten Krieg aller Zeiten. Obwohl beide sog. Achsenmächte waren, hielt sich ihre Zusammenarbeit im Krieg durchaus in recht engen Grenzen.

Heute haben wir sehr gute wirtschaftliche Kooperationen. Deutsche Autohersteller arbeiten traditionell gut mit japanischen zusammen. Bundeskanzlerin Merkel hat auf ihrem Staatsbesuch in Japan Anfang März den deutschen Atomausstieg erläutert, der ja viel mit Japan zu tun hat. Und sie hat sehr vorsichtig erläutert, wie Deutschland mit seiner Geschichte umgegangen ist.

Das große Problem für die Japaner ist aber natürlich die in Deutschland vorhandene, immer stärker werdenden China-Orientierung – das gilt für Hamburg noch einmal verschärft. Die sehr deutliche Hinwendung Deutschlands zu China macht Japan große Sorgen. In 2012 berichtete das Abendblatt, dass das japanische Konsulat in Hamburg von Schließung bedroht sei. Dies war ein Reflex auf die einseitig auf China ausgerichtete Politik der Hamburger Senate unter Bürgermeister von Beust. Glücklicherweise hat der aktuelle SPD-Senat unter Bürgermeister Olaf Scholz dies gerade noch rechtzeitig erkannt und die Kontakte zur japanischen Kolonie in Hamburg deutlich verbessert und Japan aufgewertet. In er Konsequenz führte dies dazu, dass Tokio das japanische Konsulat in Hamburg nunmehr zum Generalkonsulat aufgewertet hat.

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