US-Wahl: Populismus darf nicht unterschätzt werden

Es ist der 09.11.16, ca. 8:00 Uhr morgens, und ich sitze mit meinen Hosts am Frühstückstisch. Victor trägt es mit Fassung und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Bill schaut fassungslos ins Leere und sagt, dass er sich für heute Krank gemeldet hat, weil ihm immer noch schlecht ist. Ihn als langjährigen Demokraten hat das Ergebnis der Präsidentschaftswahl besonders getroffen.

Noch zwölf Stunden zuvor waren alle gut drauf. Wir hatten Pizza bestellt und uns auf Hillarys Siegesfeier eingestellt. Die Stimmung war gut, Hillarys Siegchancen wurden auf über 80 Prozent eingeschätzt. Für uns war alles klar.

Im Laufe des Abends sahen wir einen Staat nach dem anderen an Donald Trump fallen. Die Gesichter wurden länger und von der guten Stimmung war nach North Carolina und Florida nichts mehr übrig. Bill versuchte verzweifelt, Szenarien zu beschreiben, in denen Hillary noch gewinnen kann. Der allgemeine Konsens war: Wenn die Stimmen der Westküste bekannt werden, wird alles gut. Die Stimmen kamen, doch es wurde nicht alles gut. Im Gegenteil: Trump überholte Hillary nach kurzer Zeit wieder und blieb für den Rest des Abends an der Spitze.

Wie konnte das passieren?

Heute, ein Tag nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse, hört mein Handy kaum auf zu klingeln. Ich bekomme einen Haufen besorgter Nachrichten aus Deutschland, mein Facebook-Feed ging von schockierten Posts über absolutes Unverständnis und „Wäre Bernie angetreten, hätte er gewonnen“ bis hin zu „Oh mein Gott, die Welt geht unter“. Ein Tag nach den Ergebnissen fragen sich alle: Wie konnte das passieren?

Um ehrlich zu sein: Ich habe absolut keine Ahnung, aber es gibt mehrere Theorien, die wahrscheinlich alle einen Funken Wahrheit enthalten. Die einen sagen, dass Trump der typische Underdog ist und Amerikaner nichts lieber mögen, als eine gute Underdog-Story. Die anderen sagen, es liegt an Hillary selbst: Sie hat nicht den richtigen Charakter, sie ist unglaubwürdig auf Grund ihrer E-Mail-Affäre. Sie war sich zu siegessicher. Ich denke, letztendlich hat sie eine Mischung aus all diesen Gründen den Sieg gekostet.

Dazu kann man sagen, dass Trump in seinem Wahlkampf anscheinend einiges richtig gemacht hat: Er hat es geschafft, die im Vorfeld unterschätze weiße Wählerschaft aus den ländlichen Regionen der USA zu mobilisieren und erzielte sogar bei den Latinos mehr Stimmen als z. B. Mitt Romney in der Präsidentschaftswahl von 2012.

Die USA haben noch einen weiten Weg vor sich

Was können wir aus dieser Wahl lernen? Diese Wahl hat gezeigt, wie sehr das Land in seinen Werten geteilt ist. Auf der einen Seite haben wir die Bevölkerung, die in den großen Städten lebt und durchweg mehrheitlich demokratisch stimmt. Auf der anderen Seite haben wir das ländliche Amerika mit seinen Dörfern und Kleinstädten, in denen Trump fast alle seiner Wähler fand. Genau das zeigt, dass die USA noch einen weiten Weg vor sich haben, aber ich bin dennoch optimistisch: Besonders die jungen Wähler im Alter zwischen 18 und 25 Jahren haben zu großen Teilen demokratisch gestimmt. Ich denke, das zeigt, dass die jungen Amerikaner auf dem richtigen Weg sind.

Was wir für Deutschland aus dieser Wahl mitnehmen können, ist, dass man Populismus, egal wie absurd er erscheinen mag, niemals unterschätzen sollte. Auch und gerade mit Blick auf 2017 müssen wir die Augen offen halten!

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