Vergangenheitsbewältigung in Deutschland – die verschiedenen Phasen der Aufarbeitung des NS-Unrechtsregimes

Rede anlässlich des internationalen Symposiums der Friedrich-Ebert-Stiftung
in Tokio am 4. Juni 2015.

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst ganz herzlich für die Einladung bedanken, hier heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Das ist mir eine große Ehre!

Dies gilt umso mehr, als die jüngere Geschichte Japans und Deutschlands über viele Gemeinsamkeiten verfügt. Beide Länder waren „Spätankömmlinge“ in der Geschichte. Sie traten fast zeitgleich als frisch vereinte Nationen auf die Weltbühne: Japan mit Beginn der Meiji-Ära 1868, Deutschland mit Bismarcks Reichsgründung 1871.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland entwickelte sich das japanisch-deutsche Verhältnis zur Kriegsallianz. Es gab allerdings keine substanziellen Kooperationen zwischen beiden Ländern. Getrennt fochten sie ihre Aggressions- und Eroberungskriege. Die Kriege hatten verheerende Folgen für die Menschen in den Nachbarländern aber auch im jeweils eigenen Land.

In Europa hat der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation des deutschen Reiches geendet – die Kapitulation Deutschlands erfolgte also vier Monate vor der Kapitulation Japans. Der 70. Jahrestag des Kriegsendes in Europa war am 8. Mai 2015 und liegt daher schon hinter uns. An diesem Tag – also vor knapp einem Monat – hat der Bundestag eine Feierstunde abgehalten.

Mich persönlich hat aber noch mehr unsere Feierstunde am 27. Januar beeindruckt. An diesem Tag gedenkt der Deutsche Bundestag immer der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, die am 27. Januar 1945 erfolgte. Zu diesem Gedenktag hatte das Parlament den 95-jährigen russischen Schriftsteller Daniil Granin eingeladen.

Granin war russischer Soldat gewesen und hatte im eingeschlossenen Leningrad gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft. Leningrad, das heutige St. Petersburg, war fast 900 Tage lang von der deutschen Wehrmacht eingeschlossen. Mehr als eine Million Menschen verhungerten in der Stadt während der deutschen Blockade. Granin schilderte das Grauen in dieser Zeit – z.B. wie ein dreijähriges Kind starb und danach in der Familie nur noch der Kannibalismus das Überleben des anderen Kindes ermöglichte.

Es gab keinen Abgeordneten, der nicht erschüttert war von dieser sehr persönlichen aber auch sehr drastischen Rede. Und das Großartige und Beeindruckende war gleichzeitig, dass dieser alte Mann, der ja nun allen Grund gehabt hätte, die Deutschen zu hassen, zu einem wichtigen Wegbereiter der deutsch-russischen Aussöhnung würde.

Im ausklingenden 19. Jahrhundert hat Japan viel von Deutschland gelernt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es umgekehrt – Japan galt in dieser Zeit in Deutschland in ganz unterschiedlichen Bereichen als das große Vorbild.

Heute geht es aber um den Zweiten Weltkrieg, in dem beide Länder Verbündete waren. In meinem Vortrag möchte ich Ihnen daher von dem schwierigen und schmerzhaften Prozess der deutschen Vergangenheitsbewältigung berichten. Dieser Prozess ist – typisch deutsch – sehr gründlich betrieben worden.

Ich würde mich freuen, wenn die ein oder andere von mir vorgetragene Überlegung vielleicht auch Ihren politischen Diskurs hier in Japan bereichern könnte. Gleichzeitig freue ich mich umgekehrt auf Ihre Kritik und Ihre Erfahrungen in der danach stattfindenden Diskussion.

Meine Damen und Herren, ähnlich wie in Ihrem Land Japan gibt es auch in Deutschland kaum eine Familie, die durch den Zweiten Weltkrieg nicht furchtbare Verluste erlitten hat. Das gilt auch für meine eigene Familie: Mein Onkel ist 1944 in Holland gefallen, ich habe ihn nie kennengelernt. Mein Vater wurde fünfmal verwundet. Er hat dennoch Glück gehabt, denn er war der einzige in seiner Klasse, der den Krieg überlebt hat. Eine geschundene Generation.

Wenn ich Ihnen Im Folgenden über die Aufarbeitung des Faschismus in Deutschland berichte, so möchte ich diese Aufarbeitung in vier verschiedene zeitliche Phasen einteilen. Zuvor allerdings noch eine historische Anmerkung zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in Deutschland.

Die Nazis wurden 1933 in einer demokratischen Wahl an die Regierung gewählt. Sie setzten aber unmittelbar nach ihrer Machtübernahme sämtliche demokratische Prinzipien außer Kraft. Aktive Sozialdemokraten und Kommunisten wurden sofort verhaftet und vielfach umgebracht. Das Kennzeichen der Nazis war Rassenwahn und Militarismus. Sie setzten sofort auf massive Aufrüstung und begannen am 1. September 1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen den Zweiten Weltkrieg in Europa.

Das Ergebnis dieses Krieges waren 44 Millionen Tote in Europa, davon 23 Millionen Zivilisten. Von diesen 23 Millionen Zivilisten wurden 13 Millionen durch deutsche SS- und Wehrmachtstruppen umgebracht. Betroffen waren hiervon insbesondere Polen und die Sowjetunion, aber auch Serbien und Griechenland.

Eine furchtbare und herausragende Rolle spielte der Genozid an über sechs Millionen Juden, der Ende 1941 begann. Es ist historisch einmalig, dass hier fast ein ganzes Volk in einer perfekt organisierten Weise geradezu fabrikmäßig umgebracht wurde. Zum Synonym für den Massenmord wurde das deutsche Vernichtungslager Auschwitz in Polen, wo allein etwa eine Million Menschen umgebracht wurden.

 

Erste Phase: Die Verdrängung

Die direkte Nachkriegszeit war in der breiten Bevölkerung geprägt von einem Wegschauen und einer Verdrängung und keineswegs von einer inhaltlichen Aufarbeitung des Faschismus. Man wollte sich mit der Vergangenheit und der eigenen Rolle darin nicht auseinandersetzen. Das Land war zerstört und Priorität hatten der Wiederaufbau und das eigene Überleben. Das half, um sich nicht mit der Vergangenheit und der eigenen Schuld auseinandersetzen zu müssen. Diese erste Phase der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit möchte ich daher als „Phase der Verdrängung“ bezeichnen.

Es bleibt eine der großen Fragen, was die durchschnittlichen Deutschen von den Kriegsverbrechen gewusst haben. Oder was sie hätten wissen müssen, aber nicht wissen wollten. Fakt ist jedenfalls, dass Deutschland am 8. Mai 1945 nicht nur militärisch geschlagen war, sondern auch moralisch.

Nach dem Krieg wurden die ungeheuren Verbrechen offenbar, die im deutschen Namen verübt wurden und in die viele Deutsche verstrickt waren. Es herrschte Fassungslosigkeit – und neben die Tatsache, dass man den Krieg verloren hatte, trat dann auch die Erkenntnis, dass man Verbrechern gefolgt war. Familien waren zerstört, Mütter hatten ihre Kinder verloren. Als wenn das nicht schon allein schlimm genug gewesen wäre, mussten sie nun auch noch erkennen, dass dies für eine verbrecherische Sache geschehen war.

Diese Erkenntnis wurde verstärkt durch das „Re-Education-Programm“ der amerikanischen Besatzer. Dieses Programm setzte zunächst auf schonungslose Aufklärung über die Gräuel, die die Deutschen vor allem in den Konzentrationslagern verübt hatten. Die Amerikaner organisierten Zwangsbesuche der Bevölkerung in den Lagern. Und es wurden Filme über Details der Massenvernichtungen gezeigt. Das verfehlte seine Wirkung nicht. Auch die Zeitungen und der Rundfunk wurden hierfür genutzt.

Ab 1946 wurde der Schwerpunkt von der Abschreckung durch Aufklärung über die NS-Verbrechen auf die Vermittlung positiver Inhalte verschoben. Das war das „Re-Orientation-Programm“. Es ging dabei um den Umbau der westalliierten Besatzungszonen in einen demokratischen Staat westlicher Prägung. Schwerpunkt dieses „Re-Orientation-Programms“ war die Medien- und die Bildungspolitik.

In der Nachkriegszeit fand auch die Diskussion über die Kollektivschuld des Deutschen Volkes an den Verbrechen statt. Aber war wirklich ein ganzes Volk schuld an den scheußlichen Verbrechen? Und wenn ja, wurde diese Schuld vererbt? Die Frage war bei der Kollektivschuld-These auch, ob sich dadurch die individuellen Täter nicht in unzulässiger Weise von der Schuld befreien konnten.

Die Kollektivschuld-Debatte wurde weitgehend aufgelöst durch den ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss – Papa Heuss, wie er im Volksmund genannt wurde. Heuss sagte, es gäbe keine Kollektivschuld, aber eine kollektive Scham über das Geschehene. Wörtlich sagte er: „Das Schlimmste was uns Hitler angetan hat – und er hat uns viel angetan -, ist doch dies gewesen, dass er uns in die Scham gezwungen hat, mit ihm und seinen Gesellen gemeinsam den Namen Deutsche zu tragen.“

Die Erkenntnis um die Einzigartigkeit der Verbrechen, die im deutschen Namen verübt worden waren, hatte allerdings eine wichtige positive Konsequenz: Es gab nach 1945 keinen verantwortungsvollen Politiker mehr in Deutschland, der das NS-Regime verteidigte. Und es führte zu einem politischen und administratorischen Neuanfang – soweit dies möglich war. Natürlich gab es die ewig Gestrigen, die die Verbrechen verharmlosten. Und es gab natürlich nimmer noch unverbesserliche Alt-Nazis – das wurden im Laufe der Zeit glücklicherweise aber immer weniger.

Eine wichtige Zäsur war der sog. Auschwitz-Prozess in Frankfurt 1963. Dieser Prozess hatte eine große öffentliche Aufmerksamkeit, der ein Verdrängen kaum noch möglich machte. Angeklagt waren insgesamt 22 Aufseher des KZ Auschwitz. Die meisten wurden wegen Mord oder Beihilfe zum Mord in vielen tausend Fällen verurteilt.

Initiator dieser Prozesse war ein Generalstaatsanwalt in Frankfurt mit Namen Fritz Bauer. Was selbst die wenigsten Deutschen wissen: Fritz Bauer hatte einige Jahre zuvor einen sicheren Hinweis darauf erhalten, dass sich der Organisator der Judenmorde auf dem Balkan, Adolf Eichmann, in Argentinien aufhielt. Eichmann war einer der größten und meistgesuchten Nazi-Verbrecher. Bauer teilte diese Information keinem seiner deutschen Kollegen oder gar der Polizei mit. Er fürchtete, dass diese Eichmann warnen könnten. Stattdessen informierte er den Mossad, den israelischen Geheimdienst. Der Mossad entführte Eichmann dann in einer spektakulären Aktion aus Argentinien.

Eichmann wurde dann von Israel in Jerusalem angeklagt und hingerichtet. Der Eichmann-Prozess wurde in Deutschland ebenfalls mit einer sehr hohen Aufmerksamkeit verfolgt. Kommentiert wurde der Prozess von der Philosophin Hannah Ahrendt. Sie schrieb darüber das Buch „Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Dieses Buch erregte in Deutschland sehr großes Aufsehen. Darin beschrieb sie Eichmann als einen Karrieristen, der den Judenmord wegen seines beruflichen Fortkommens organisiert hatte: „Eichmann war nicht Macbeth. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive.“

 

Zweite Phase: Die Auseinandersetzung mit der Schuld

Der Auschwitz- und der Eichmann Prozess bewegten die Öffentlichkeit und vor allem die jüngere Generation. Dies wurde ganz deutlich bei den Studentenprotesten 1968. Diese markieren den Beginn der zweiten Phase der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit, die ich als „Auseinandersetzung mit der Schuld“ betiteln möchte.

Die Verbrechen in der Nazi-Diktatur und die von vielen als zu milde empfundenen Urteile gegen Nazi-Kriegsverbrecher aus den 1950er Jahren waren ein Mitauslöser für die Studentenproteste. Aber viel stärker noch wurde kritisiert, dass eben immer noch viele Alt-Nazis in wichtigen Positionen des Staats saßen. Der Vorwurf lautete. Deutschland hätte seine Lehren aus der Vergangenheit nicht gezogen.

Die Proteste 1968 waren zweifellos in vielen Punkten sehr berechtigt. Sie waren Mitursache dafür, dass sich das politische Klima in Deutschland wandelte und 1969 erstmals die Sozialdemokraten den Regierungschef stellten. Dieser erste sozialdemokratische Regierungschef war Bundeskanzler Willy Brandt. Brandt war direkt nach der Machtübernahme der Nazis im Alter von 19 Jahren nach Skandinavien geflohen und hatte von dort aus das deutsche NS-Regime bis zu dessen Kapitulation am 8. Mai 1945 bekämpft.

Er sagte in seiner Regierungserklärung 1969 den historischen Satz: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein!“ In Europa ist Deutschland das Land, das die meisten Grenzen zu anderen Ländern hat. Nach zwei Weltkriegen, die Deutschland begonnen hatte, war Brandts klares Bekenntnis zu guter Nachbarschaft auch der Wunsch, das Verhältnis zu den Nachbarn nach dem Krieg wieder positiv zu gestalten. Das galt vor allem für die östlichen Länder Sowjetunion, Tschechoslowakei und Polen. Mit allen drei Ländern schloss die Regierung Brandt Verträge, die rechtliche und territoriale Streitfragen regelten – die Ostverträge.

Am umstrittensten waren dabei die Verträge mit Polen, weil diese einen endgültigen Verzicht auf frühere deutsche Gebiete beinhalteten. Diese Gebiete gehörten aber seit Kriegsende faktisch ohnehin zu Polen. Die monatelangen innenpolitischen Auseinandersetzungen um die Ostverträge führten um ein Haar zum Sturz Brandts.

Brandt begründete den Vertrag mit Polen damit, dass der Vertrag nichts preisgäbe, was nicht längst verspielt worden sei. Verspielt worden sei es aber nicht von den deutschen Nachkriegsregierungen, sondern „von einem verbrecherischen Regime, dem Nationalsozialismus.“

Die damalige zerrissene Stimmung wird gut widergespiegelt in folgender Geschichte: Brandt hatte die Herausgeberin der angesehensten deutschen Wochenzeitung um Begleitung bei der Reise nach Polen gebeten. Die Herausgeberin, Gräfin Dönhoff, war vor dem Krieg in den Ostgebieten aufgewachsen. Am Abend vor der Abreise erhielt Brandt einen Brief von ihr, in dem sie ihm versicherte wie richtig und alternativlos seine Politik gegenüber Polen sei. Allerdings, schrieb sie, sie könne nicht mitkommen. Der endgültige Verlust der Heimat würde ihr das Herz brechen. Brandt antwortete ihr in einem langen Brief, dass er das sehr gut verstehen könne.

Am Tag der Unterzeichnung des Vertrages mit Polen sollte Brandt einen Kranz am Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos niederlegen. Völlig unerwartet kniete er plötzlich vor dem Mahnmal nieder und verharrte eine Zeit kniend. Die emotionale Wirkung dieses Kniefalls von Warschau war ungeheuer. Ein deutscher Kanzler macht stellvertretend für das deutsche Volk eine solche Demutsgeste und bittet damit die ehemaligen Kriegsgegner und Kriegsopfer um Vergebung. Es gibt Menschen, die sagen, dass allein dieser Kniefall die Kanzlerschaft von Willy Brandt wert gewesen sei.

Im Vertrag mit Polen war auch die Gründung einer deutsch-polnischen Schulbuch-Kommission geregelt. Man hatte festgestellt, dass die Darstellung der Geschichte der Beziehung zwischen Deutschland und Polen in den Schulbüchern beider Länder katastrophal war. Die Kommission erarbeitete daher Empfehlungen, wie die deutsch-polnische Geschichte in deutschen und in polnischen Schulbüchern dargestellt werden sollte. Das funktionierte.

Wir befinden uns noch in der zweiten Phase, der „Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld“. In diese Phase fällt auch ein Streit von deutschen Historikern über die Einordnung der deutschen Schuld. Das eine Lager sagte – grob verkürzt: In anderen Diktaturen habe es ebenfalls grauenhafte Massenmorde gegeben. Genannt wurden explizit die Sowjetunion unter Stalin und Kambodscha unter Pol Pot.

Das andere Historiker-Lager sagte dagegen, dass Deutschland sich davon unterscheide: Der Massenmord in Deutschland sei von deutschen Behörden mit deutscher Gründlichkeit bürokratisch perfekt administriert und fabrikmäßig organisiert worden. Damit sei der in Deutschland verübte Holocaust einmalig in der Geschichte.

 

Dritte Phase: Die Akzeptanz der historischen Schuld

Die Verträge mit den östlichen Nachbarn haben die politische Debatte in Deutschland Anfang der siebziger Jahre geprägt. Es war aber ein anderes Ereignis, das auch die eher unpolitische Masse der deutschen Bevölkerung erreichte und bewegte. 1978 war dies die Ausstrahlung des Hollywood-Vierteilers „Holocaust“ mit Meryl Streep. Die Ausstrahlung des Filmes markiert den Beginn der dritten Phase, die ich „die Akzeptanz der historischen Schuld“ nennen möchte.

Der Film beschrieb die Geschichte der jüdischen Arztfamilie Weiß aus Berlin. Die Entwicklung hin zum Genozid wurde mit ihren einzelnen Stationen in eine Spielfilmhandlung um die einzelnen Familienmitglieder eingebunden.

Der Film stellte einen bedeutenden Schritt in der Aufarbeitung der deutschen Geschichte dar. Es waren vor allem Jugendliche, denen über diesen fiktionalen Film ein emotionaler Zugang zu diesem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte gelang. Es waren eben keine abstrakten Geschichtsdaten mehr, sondern die Erlebnisse dieser Familie. Zur großen Anteilnahme trug auch bei, dass es in Deutschland zu der Zeit überhaupt nur zwei Fernsehprogramme gab – und wenn in einem ein Spielfilm gezeigt wurde, dann schaute ihn das ganze Volk. So geschah es auch mit dem Hollywoodfilm „Holocaust“.

Das damalige Verhältnis der Bevölkerung zum eigenen Land wird deutlich in einem denkwürdigen Zitat des damaligen Bundespräsidenten Heinemann. Er sagte: „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vaterland.“

Eine Folge dieses allgemein sehr kritischen Umgangs mit der Vergangenheit des eigenen Landes war insbesondere bei den Jugendlichen, dass sie ihr eigenes Land nicht mehr mochten. Deutschland war schlicht uncool – wie man heute sagen würde.

Eine kleine Anekdote, um das zu veranschaulichen: Als ich Schüler war, war es Mode, Militärjacken zu tragen. Die Jacken hatten an der Schulter alle das deutsche Hoheitsabzeichen, die deutsche Flagge. Diese Flagge musste man entweder entfernen oder zumindest sichtbar durchstreichen. Wenn man das nicht machte, war man ein national-konservativer Dummkopf und völlig uncool.

Dieses „das-eigene-Land-nicht-mögen“ hatte eine weitere interessante Folge: Die dem Menschen wohl immanente Sehnsucht nach einer gemeinsamen Nation wurde in Deutschland auf Europa projiziert. Die europäische Einigung wurde so zu einer Art supranationaler Ersatz für das völlig verkrampfte Verhältnis der Deutschen zu ihrem eigenen Land. Der Effekt war, dass kein Land die europäische Einigung so vorangetrieben hat wie Deutschland. Die vereinigten Staaten von Europa, das war es, was praktisch alle Deutschen wollten – möglichst viele Kompetenzen für die Europäische Union und möglichst wenig für die Nationalstaaten. Die anderen europäischen Länder sahen dies aber zumeist ganz anders.

Der intellektuelle Höhepunkt dieser dritten Phase war zweifelsohne die legendäre Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985. Weizsäcker machte in dieser Rede deutlich, dass der Tag des Kriegsendes in Europa von jedem Volk unterschiedlich wahrgenommen wurde. Für die Deutschen sei es aber kein Tag der Niederlage gewesen, sondern ein Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Weizsäcker sprach in seiner Rede von der schweren Erbschaft, die die Vorfahren ihren Nachfahren hinterlassen hätten. Und er forderte von allen Deutschen die Bereitschaft, dieses Erbe anzunehmen.

 

Vierte Phase: Die Emanzipation von der Vergangenheit

Irgendwann löst sich jeder Krampf. Die Auflösung des verkrampften Verhältnisses der Deutschen zu ihrem eigenen Land kann man an einem Ereignis festmachen: Dem Sommermärchen 2006 – der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Sie markiert die vorerst letzte Phase, die ich „Emanzipation von der Vergangenheit“ nennen möchte.

Erstmals spielte ein signifikanter Anteil von Migranten in der deutschen Fußballnationalmannschaft. Es waren Spieler, die nicht in Deutschland geboren waren, sich aber hundertprozentig als Deutsche fühlten. Und das Wichtigste: Sie spielten einen sensationell guten Fußball, brasilianischer als die Brasilianer – am Ende wurden sie Dritter. Und viele von uns waren froh, dass sie nicht Weltmeister geworden waren, denn es herrschte die verbreitete Auffassung: Das gehört sich nicht für einen guten Gastgeber.

Zum ersten Mal nach 60 Jahren sah man flächendeckend deutsche Fahnen im Straßenbild. Auch ich hatte an meinem kleinen Yamaha-Motorroller an Spieltagen der deutschen Nationalmannschaft eine deutsche Fahne befestigt, die sehr schön flatterte. Im Gegensatz zu früher war es eben so: Die deutsche Fahne symbolisierte nichts Überhebliches und nichts Aggressives mehr, sie symbolisierte schlicht die Freude daran, Deutscher zu sein.

Der Sport hat wahrscheinlich mehr für die Integration von Migranten und zur Völkerverständigung beigetragen, als die allermeisten Regierungsprogramme.

Es hat im vergangenen Jahr eine repräsentative Umfrage unter 20.000 Menschen in 20 Ländern über die Beliebtheit von Ländern gegeben. Das Ergebnis war: Deutschland ist das beliebteste Land – noch vor den USA. Selbst in Israel ist das so!

Das ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil Deutschland in den 50er und 60er Jahren aufgrund der Verbrechen in der Nazi-Zeit noch als Paria in der Staatengemeinschaft galt. Mit Deutschland wollte niemand etwas zu tun haben.

Ein wichtiger Umstand, der zu diesem positiven Umschwung führte, war zweifellos der schonungslose Umgang und das schonungslose Bekenntnis der Deutschen zu den furchtbaren Schattenseiten ihrer Geschichte. Dieses schonungslose Bekenntnis zur eigenen Vergangenheit ist und bleibt in Deutschland Staatsräson.

Ich glaube, man kann sagen: Es war ein langer Weg, der über 60 Jahre gedauert hat – aber am Ende hat Deutschland sein Selbstverständnis und seinen Platz in der Völkergemeinschaft wiedergefunden.

Ich danke Ihnen.

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